Nach jahrelanger Grundlagenforschung bestätigen nun jüngste klinische Anwendungen: Das Gefäßsystem des Menschen ist ausbaufähig - die Kollateralen können auch beim Menschen zum Wachstum angeregt werden und sich so selbst zu funktionstüchtigen Gefäßen umbauen. Dies fand ein Forscherteam unter Leitung von Privatdozent Dr. Ivo Buschmann von der Charité und dem Gefäßzentrum Berlin heraus.
Derzeit gibt es allein in Deutschland rund vier Millionen PAVK-Patienten. Gängige Therapien bei Gefäßstenosen sind neben medikamentöser Therapie die Ballondilatation mit oder ohne Stenteinsatz oder die operative Anbringung eines Bypass. Aber rund zwanzig Prozent aller Gefäßpatienten kann damit nicht geholfen werden.
Die Forscher der Charité fanden nun zwei wichtige Strategien heraus, wie man die Kollateralen zusätzlich zum Wachstum anregen kann. Beide Ansätze sind so genannte „Biomimetische“ Therapieansätze (Imitierung der natürlichen Prozesse).
Zirkulierende weiße Blutkörperchen (die Monozyten) spielen offenbar eine wichtige Rolle bei diesem Wachstumsprozess. Sie agieren wie mobile Wachstumsfaktor-Fabriken im Blut und kreisen im Gewebe. Die Forscher konnten nun zeigen, dass die Monozyten den Wachstumsprozess befördern. Eine zusätzliche externe Gabe führt zu einer Beschleunigung des Wachstums der „biologischen Bypässe.“
Der zweite Ansatz ist die Beschleunigung des Blutstromes, der die biologischen Bypässe durchströmt (Schubspannung). Durch regelmäßiges und lebenslanges Gehtraining erreicht man, wie bereits bekannt, eine deutliche Verbesserung des Kollateralwachstums.
"Herzhose"
Nicht alle Patienten mit fortgeschrittener Atherosklerose können aber regelmäßiges Gefäßtraining absolvieren. Um die Schubspannung beim ruhenden Patienten zu erhöhen, haben Buschmann und sein Team deshalb die ECP (Externe Gegenpulsation), kurz „Herzhose“, weiterentwickelt. Sie besteht aus sechs aufblasbaren Manschetten, die paarweise um Unterschenkel und um zwei Stellen der Oberschenkel gelegt werden. Diese blähen sich frühdiastolisch auf und
entlüften sich spätdiastolisch. Dieses „passive Training“ suggeriert dem Organismus Bewegung, damit er die Selbstheilungskräfte des Kollateralwachstums abrufen kann.
Die „Herzhose“ wurde bei 23 Patienten mit koronarer Herzkrankheit sieben Wochen lang getestet. Die Daten der Kompressionstherapie der Herzhose waren erfolgversprechend: Der Blutfluss nahm durchschnittlich um das Doppelte zu, die Beschwerden linderten sich, sechs der behandelten Patienten ging es so gut, dass man von einer Ballondilatation bzw. Stentimplantation absehen konnte.
Buschmann: „Wir machen uns in eleganter Weise das biologische Prinzip zu Nutze, das uns ja Vorarbeit leistet. Eine therapeutische Beschleunigung dieses „biologischen Wachstums“ ist aus medizinischer Sicht sehr attraktiv, da nebenwirkungsarm, kostenreduzierend und trotzdem effizient.“ Diese neue Behandlung kann präventiv und nach einem Gefäßverschluss wirksam sein, da sie in kurzer Zeit zu großen Bypässen führt.