Nur Minderheit der Leidenden ist ausreichend betreut.
Einige Tage lang war Wien das internationale Zentrum der Palliativbetreuung: Mehr als 3.000 Expertinnen und Experten aus mehr als 80 Ländern diskutierten beim 11. Kongress der Europäischen Gesellschaft für Palliativmedizin und -pflege (EAPC) aktuelle Erkenntnisse und neue Trends.
Trotz aller Fortschritte, die in der Palliativversorgung in den vergangenen Jahren zu verzeichnen waren, kann offenbar von einer ausreichenden Betreuung Sterbender und Leidender – vor allem auf internationaler Ebene – noch keine Rede sein. Eine Deklaration fordert die Anerkennung von Palliativbetreuung und Schmerzbehandlung als Teil der Menschenrechte.
Die Forderung ist von großer Aktualität, Univ.-Prof. Dr. Hans-Georg Kress (Wiener AKH), lokaler Organisator des Kongresses: „Daten der WHO und des International Narcotic Control Board der UNO zufolge erhält nur eine kleine Minderheit der mehr als eine Million Menschen, die wöchentlich weltweit sterben, Palliativbetreuung, um ihr Leiden zu lindern. In den Entwicklungsländer, in denen 80 Prozent der Weltbevölkerung leben, werden nur sechs Prozent des weltweiten Morphinverbrauchs verzeichnet, einer wesentlichen Medikation in der Palliativ- und Schmerzbehandlung.”
Neue Analgetika-Anwendungsformen
Ein großes Problem bei Krebspatienten ist der so genannte Durchbruchschmerz, plötzliche Schmerzspitzen, die oft nur eine halbe bis eine Stunde dauern, an denen aber mehr als 85 Prozent der Krebspatienten leiden.
Der Wirkeintritt herkömmlicher oral verabreichter Opioide liegt etwa bei 35 bis 45 Minuten nach Einnahme – viel zu spät für den Durchbruchschmerz. „Gleich mehrere neue und effiziente Möglichkeiten zur Bekämpfung von Durchbruchschmerzen wurden beim EAPC-Kongress präsentiert“, berichtete Kress.
So gibt es beispielsweise eine Fentanyl-Nasenspray. Die Verabreichung des Opioids Fentanyl über die Nase hat sich deshalb als gute Alternative zur oralen oder intravenösen Verabreichung erwiesen, weil die Substanz über die Schleimhäute besonders rasch aufgenommen werden kann und auch für Patienten mit Schluckbeschwerden, sehr trockenem Mund oder Übelkeit und Erbrechen gut geeignet ist.
Kress: „Wir konnten einen sehr raschen Wirkeintritt beobachten, erste klinisch relevante Fentanyl-Plasmakonzentrationen wurden bereits zwei Minuten nach Verabreichung beobachtet, zehn Minuten nach Verwendung stellte sich bei den meisten Patienten bereits eine klinisch relevante Schmerzreduktion von mindestens zwei Punkten auf einer elfteiligen numerischen Schmerzskala ein. Damit erweist sich das Nasenspray als gute Lösung für Durchbruchschmerzen.
Auch andere neue Galeniken für die Fentanyl-Verabreichung wurden beim EAPC Kongress präsentiert. Zum einen ist dies eine neue, in den USA bereits zugelassene und in Europa bald verfügbare Buccaltablette, bei der ebenfalls ein rascher Wirkeintritt zu verzeichnen ist. Das Konzept der Fentanyl-Brausetablette: Sie wird zwischen Oberkiefer und Wange eingelegt, beim Auflösen wird Kohlendioxid frei, das die Absorption des Wirkstoffs weiter fördert.
Kress: „Studien haben gezeigt, dass mit der Buccaltablette innerhalb von zehn bis 15 Minuten eine signifikant stärkere Schmerzreduktion zu erreichen ist als mit Plazebo.“
Ähnliches gilt für eine neue Sublingualtablette, bei der mikronisiertes Fentanyl in feinsten Partikelgrößen bei Kontakt mit Speichel freigesetzt wird. „Auch hier zeigen Studien eine signifikante Schmerzreduktion innerhalb von zehn Minuten nach Einnahme,“ so der Experte. Zur Analgesie und gleichzeitiger Vermeidung der Obstipation könnte sich ein Kombinationspräparat mit Oxycodon und Naloxon eignen.